Osteopenie: Wann ist eine Therapie wirklich nötig?
Eine Osteopenie kommt sehr häufig vor. Viele Menschen sind betroffen – doch nicht in jedem Fall ist eine Behandlung notwendig. Entscheidend ist vor allem, wie hoch das persönliche Risiko für Knochenbrüche ist. Dabei können spezielle Berechnungsmodelle wie der sogenannte *FRAX-Score helfen.
Osteopenie ist zunächst nur ein Messbefund
Der Begriff Osteopenie beschreibt zunächst keine Krankheit, sondern ein Ergebnis einer Knochendichtemessung. Diese Untersuchung zeigt, dass die Knochenmasse geringer ist als bei gesunden jungen Erwachsenen, aber noch nicht so stark reduziert wie bei einer Osteoporose.
Weltweite Studien zeigen, dass etwa 40 % der Menschen eine Osteopenie haben. Rund 20 % leiden an Osteoporose. Sowohl bei Osteopenie als auch bei Osteoporose steigt das Risiko für sogenannte Fragilitätsfrakturen – also Knochenbrüche, die schon bei geringer Belastung entstehen können. Besonders häufig sind dabei Brüche an:
• Hüfte
• Wirbelsäule
• Oberarm (nahe der Schulter)
• Unterarm in Nähe des Handgelenks
Diese Brüche werden zusammen als typische osteoporotische Frakturen bezeichnet.
Der T-Score allein reicht für die Entscheidung nicht aus
Die Knochendichte wird meist mit einer DXA-Messung bestimmt. Das Ergebnis wird als sogenannter T-Score angegeben.
• Ein Wert zwischen −1,0 und −2,5 spricht für Osteopenie
• Ein Wert von ≤ −2,5 gilt als Osteoporose
Diese Einteilung stammt aus einer Definition der WHO aus dem Jahr 1994 und wird bis heute genutzt. Für die Entscheidung über eine Behandlung reicht der T-Score jedoch allein nicht aus. Fachleute betonen, dass auch andere Faktoren berücksichtigt werden müssen – vor allem das individuelle Risiko für Knochenbrüche.
Welche Faktoren zusätzlich wichtig sind
Wenn bei einer Messung ein T-Score im Osteopenie-Bereich festgestellt wird, schauen Ärztinnen und Ärzte zunächst genauer auf die persönliche Vorgeschichte. Wichtige Punkte sind zum Beispiel:
• frühere Knochenbrüche ohne größere Verletzung
• Verlust an Körpergröße (möglicher Hinweis auf Wirbelbrüche)
• Erkrankungen, die die Knochen schwächen können, etwa
o Diabetes
o Schilddrüsenüberfunktion
o rheumatoide Arthritis
• Medikamente, die die Knochendichte beeinflussen können, z. B.
o Kortisonpräparate
o bestimmte Krebsmedikamente
oHeparin
Berechnung des persönlichen Frakturrisikos
Um das Risiko für Knochenbrüche besser einzuschätzen, wird häufig das *FRAX-Tool verwendet. Dabei werden verschiedene Faktoren einbezogen, etwa:
• Alter
• Geschlecht
• frühere Knochenbrüche
• Körpergewicht
• Begleiterkrankungen
Das Ergebnis zeigt, wie hoch die Wahrscheinlichkeit ist, in den nächsten zehn Jahren einen osteoporotischen Bruch zu erleiden.
In vielen Leitlinien gilt eine Behandlung als sinnvoll, wenn:
• das 10-Jahres-Risiko für typische osteoporotische Brüche etwa 20 % erreicht oder
• das Risiko für eine Hüftfraktur etwa 3 % beträgt.
Diese Grenzwerte können jedoch je nach Land und Alter etwas unterschiedlich sein.
Viele Knochenbrüche passieren trotz „nur“ Osteopenie
Etwa die Hälfte der Frauen nach den Wechseljahren und viele ältere Männer haben eine Osteopenie. Da diese Gruppe sehr groß ist, treten zahlenmäßig die meisten Knochenbrüche tatsächlich in dieser Gruppe auf – obwohl die Knochendichte noch nicht im Bereich der Osteoporose liegt.
Gleichzeitig kann das Risiko innerhalb dieser Gruppe stark variieren: Manche Menschen haben ein sehr geringes Risiko, andere ein deutlich erhöhtes.
Der Begriff „klinische Osteoporose“
In der Praxis zeigt sich eine Versorgungslücke: Viele Menschen mit Osteopenie erhalten trotz hohem Frakturrisiko keine Behandlung.
Um dieses Problem besser zu erfassen, wurde der Begriff „klinische Osteoporose“ eingeführt. Er kann verwendet werden bei Menschen,
• die bereits einen typischen osteoporotischen Bruch an Hüfte oder Wirbelsäule erlitten haben, oder
• deren berechnetes Frakturrisiko über der empfohlenen Behandlungsschwelle liegt.
Einige Leitlinien greifen dieses Konzept bereits auf, doch über die genauen Grenzwerte wird weiterhin diskutiert.
Behandlung: Entscheidung gemeinsam treffen
Bei einem mittleren Risiko (zum Beispiel etwa 10–15 % Wahrscheinlichkeit für einen größeren Knochenbruch in zehn Jahren) empfehlen manche Fachleute, gemeinsam mit den Betroffenen Vor- und Nachteile einer medikamentösen Therapie zu besprechen. In den Leitlinien ist dieses Vorgehen bisher allerdings noch nicht eindeutig festgelegt.
Unabhängig davon spielen Lebensstilmaßnahmen immer eine wichtige Rolle für gesunde Knochen, zum Beispiel:
• regelmäßige Bewegung und Krafttraining
• ausreichende Versorgung mit Calcium und Vitamin D
• Vermeidung von Rauchen
• maßvoller Alkoholkonsum
Entscheidend ist letztlich eine gute Aufklärung und ein Gespräch zwischen Arzt und Patient. So lässt sich gemeinsam entscheiden, welche Maßnahmen im individuellen Fall sinnvoll sind.
Quelle: Medical Tribune
*Das Fracture Risk Assessment Tool (FRAX) ist ein klinisches Instrument in Form eines Fragebogens, mit dem das individuelle 10-Jahres-Risiko für osteoporotische Knochenbrüche berechnet werden kann. Dabei liegt der Fokus insbesondere auf Schenkelhals- und Wirbelkörperfrakturen sowie weiteren größeren osteoporotischen Frakturen. Entwickelt wurde das Verfahren unter der Leitung von John A. Kanis an der Universität Sheffield.